DIW-Studie: Privatschulen nicht für “bildungsferne” Eltern?
Je gebildeter die Eltern seien, desto häufiger besuchten deren Kinder eine private Schule. Das Einkommen spiele für die Wahl einer Privatschule nicht die entscheidende Rolle. Das sind die Ergebnisse der jüngsten DIW-Studie zu Privatschulen (1):
In Deutschland ist es primär nicht das Einkommen, das entscheidend ist, ob ein Kind eine Privatschule besucht oder nicht, sondern es sind die berufliche Stellung und die Bildung der Eltern.
Immerhin wird hier mit dem Mythos der “Privatschulen als Schulen für Reiche” aufgeräumt. Mit Ausnahmen weniger tatsächlich sehr teurer Schulen (an denen nur wenige Kinder lernen) verlangt die Mehrheit privater Schulen im Durchschnitt etwa 200-300 EUR im Monat (2), kirchliche und freie alternative Schulen oft sogar unter 100 EUR (3). Das ist oft weniger, als ein Kitaplatz kostet und beinhaltet eine Ganztagsbetreuung inkl. Essen.
Doch wie belastbar ist die Schlussfolgerung, nach der bildungsferne Schichten nicht vom Wachstum der Privatschulen profitieren würden? Und wenn diese zuträfe: Wo wäre die Ursache zu suchen? Bei den Privatschulen selbst oder im deutschen Schulsystem? Eine deskriptive Auswertung der Daten belegt die Präferenz gebildeter Eltern für Privatschulen:
Der Bildungsstatus der Eltern wirkt sich vor allem auf den Besuch privater weiterführender Schulen (Sekundarstufe) aus. Fast 60% der Eltern an Privatschulen haben selbst Abitur – der Anteil beträgt bundesweit nur etwa 30%. Oder andersherum: Während im Bundesdurchschnitt 7,8% der Schüler an Privatschulen lernen, beträgt der Anteil der Kinder, deren Eltern Abitur haben 12,4% – gegen einen Anteil von etwa 5% von Kindern, deren Eltern über niedrigere Abschlüsse verfügen. Eine Präferenz ist da, allerdings auf einem doch eher vergleichbarem Niveau, das für staatliche Gymnasien oder Hochschulen genauso zutreffen würde.
In einer multivariaten Analyse wurden Wahrscheinlichkeiten für den Besuch einer Privatschule ermittelt. Wenn man Abitur als Maßstab für Bildungsnähe oder -ferne akzeptiert ergibt sich hier: Kinder von Eltern mit Abitur haben danach nur noch eine um 2 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, eine Privatschule zu besuchen als Kinder von Eltern ohne Abitur. Bezieht man den Anstieg der Schülerzahlen in den vergangenen 10 Jahren hier mit ein, sei der Anteil der Kinder von Eltern mit Abitur um 77% gestiegen, gegenüber einem Anstieg von 12% von Kindern mit Eltern mit niedrigem oder 2% mit mittlerem Abschluss. Doch setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zu anderen Entwicklungen in Deutschland, entschärft sich die Aussage deutlich:
- Der Anteil der Eltern mit Abitur ist innerhalb der vergangenen 10 Jahre in ganz Deutschland ebenfalls stark gestiegen – ein Anstieg hier ist also eher aus einem allgemeinen Trend als durch Privatschulen erklärbar.
- In Ostdeutschland ist der Anstieg in den Gruppen mit Eltern ohne Abitur um über 50 Prozentpunkte größer (300 %) als der mit Eltern mit Abitur (247%). Damit kann der Vorwurf einer bewussten Bevorzugung bildungsnaher Eltern durch Privatschulen nicht ansatzweise begründet werden. Die hohen Wachstumsraten in Ostdeutschland sind durch die Nichtexistenz von Privatschulen vor 20 Jahren zu erklären – der Anteil der Schüler an Privatschulen beträgt heute etwa 6% (gegenüber 7,3% in Westdeutschland).
Für die höheren Anteile bildungsnaher Schichten an Privatschulen müssen sich also Erklärungsansätze und Faktoren ausserhalb der Privatschulen finden lassen – an den Schulen selbst kann es nicht liegen. Und tatsächlich bietet die Studie dazu weitere Anhaltspunkte:
Für den Besuch privater Grundschulen ist oft die Berufstätigkeit der Mutter ausschlaggebend und die Größe der Gemeinde. Das lässt Rückschlüsse auf den Bildungsstatus der Mütter zu: In Ballungszentren und größeren Städten ist der Anteil derjenigen mit Abitur gewöhnlich größer als in kleinen Gemeinden. Zudem dürften berufstätige Mütter häufiger über eine höhere berufliche Qualifikation als nicht berufstätige Mütter. Wenn diese nun Privatschulen besonders nachfragen, wird dies eher an der Attraktivität ihrer Angebote als deren Präferenz für gebildete Eltern liegen. Privatschulen sind zudem im ländlichen Raum deutlich weniger vertreten – können also gar nicht angewählt werden.
Welche Präferenzen Eltern tatsächlich haben und wie vernichtend Eltern das staatliche Schulsystem insgesamt einschätzen hat eine Forsa-Umfrage im Juni 2009 (4) herausgestellt:
Eine deutliche Mehrheit (91%) lehnt den Föderalismus in der Bildungspolitik ab und fordert eine bundesweite Vereinheitlichung des Schulsystems. Etwas mehr als die Hälfte (54%) würden ihre Kinder lieber auf eine Privatschule als auf eine staatliche Schule schicken.
Die DIW-Studie bestätigt einen klaren Trend zu Privatschulen, der in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen hat. Das staatliche System reagiert darauf mit Behinderung und Gegenwehr – Schulgründungen werden zunehmend erschwert. In einem Bericht der FTD vom 3.10.2009 (4)werden die teilweise an Willkür grenzenden Maßnahmen des Staates offengelegt:
Nicht nur in Hamburg, auch in anderen Bundesländern bekommen Gründer von Privatschulen mittlerweile von Behörden kräftig Gegenwind: Verfahren werden verschleppt, finanzielle Bestimmungen verschärft. “Die Bedingungen verschlechtern sich”, sagt Barb Neumann, stellvertretende Bundesvorsitzende des Verbandes der Privatschulen (VDP), “es wird insgesamt schwieriger, eine freie Schule zu gründen.”
Ein besonders drastisches Beispiel für die Behinderung durch staatliche Behörden hat die Freie Schule Woltersdorf (6) dokumentiert: Hier wurde 3 Wochen vor Ferienbeginn plötzlich die Genehmigung mit falschen Begründungen durch die Schulaufsicht entzogen. Nach rechtlicher Klarstellung und medialer Gegenwehr der Schule wurden alle Vorwürfe und der Genehmigungsentzug jedoch wieder zurückgezogen.
Die Hürden für eine Schulerrichtung sind hoch: In der Regel drei Jahre muss eine private Schule ohne Zuschüsse auskommen, also alle Kosten durch Einnahmen der Eltern oder Kredite finanzieren. Vor diesem Hintergrund ist es zwangsläufig, dass private Schulen die hohe Nachfrage nicht befriedigen können. Andernorts (und auch an staatlichen Schulen) anzutreffende Selektionsmechanismen wirken also auch hier. Einer der wesentlichen Triebkräfte ist dabei das Bildungsniveau der Eltern: Je höher der Bildungsabschluss der Eltern ist, desto höher sind auch deren Bestrebungen nach einer hohe Schulqualität für die eigenen Kinder. Und es darf vermutet werden, dass mit höherem Bildungsabschluss auch das Vermögen größer ist, eigene Ansprüche gegen Widerstände durch staatliche Behörden durchzusetzen. Dies ist einer der wesentlichen Erklärungsansätze für eine höhere Präsenz bildungsnaher Schichten in Privatschulen.
Es ist im Gegenteil den Privatschulen hoch anzurechnen, dass weitaus drastischere selektiven Wirkungen ausgeblieben sind: Die Integration verschiedener sozialer Gruppen ist in fast jeder Schule Teil des Schulprogramms. Übrigens nicht nur, weil es im Grundgesetz vorgeschrieben ist, sondern weil dies zu guter Pädagogik gehört.
Fazit: Von einer Benachteiligung bildungsferner Schichten durch die Privatschulen kann nicht gesprochen werden. Die leicht vorteilhaften Effekte für bildungsnahe Schichten erklären sich vielmehr durch systemische Rahmenbedingungen, auf die die Privatschulen wenig bis gar keinen Einfluss haben: Es ist der Staat selbst, der durch seine Rahmenbedingungen Privatschulen behindert und dadurch selektive Prozesse auslöst und eine Aufteilung in weniger attraktive (=staatliche) und attraktive (=private) Schulen befördert! Die Konsequenz der Studie sowie weiterer Umfragen wäre also nicht die weitere Benachteiligung des privaten Schulwesens, sondern dessen konsequenter Ausbau:
Einige Analysen internationaler Schülervergleichstests belegen, dass Schulsysteme, die mehr Schulen in nicht öffentlicher Trägerschaft haben, bessere Schülerleistungen erzielen.
Die Niederlande (etwa 70% Privatschulanteil), Großbritannien (ca. 40%) und andere europäische Staaten sind hier Deutschland weit voraus, das immer noch einem antiquierten, obrigkeitsstaatlichem und zergliedertem Schulsystem anhängt, noch dazu in völlig widersinniger föderaler Intransparenz!
Eine weitere Konsequenz der Studie würde auf die bildungsfernen Schichten abzielen: Diese sollten in die Lage versetzt werden, eigene Urteile zu treffen und Ansprüche gegenüber dem Staat auch durchzusetzen. Dies wäre eine lohnendere Aufgabe von Bildungspolitik als das bisher dominierende ängstliche Regulieren und hektische Reformieren!
Quellen:
- Henning Lohmann, Katharina Spieß, Christoph Feldhaus (2009): Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 38/2009: “Der Trend zur Privatschule geht an bildungsfernen Eltern vorbei“. 640-646.
- Privatschul-vergleich.de (2009): Höhe der monatlichen Kosten einer Privatschule.
- GLS-Bank (2007): Branchenbericht „Freie und Alternativpädagogik“.
- Forsa-Umfrage im Juni 2009 zu Einstellungen von Eltern zu Familien- und Bildungspolitik
- FTD-Artikel vom 3.10.2009: “Viele Gründer von Privatschulen scheitern schon beim Antrag“.
- Dokumentation der Freien Schule Woltersdorf zu behördlicher Willkür gegenüber Freien Schulen (29.7.2009)

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